Mittwoch, 11. Januar 2012

Buchbesprechung: Wie laut soll ich denn noch schreien?

Missbrauch mit System...
...hat der damalige Leiter der Odenwaldschule Gerold Becker betrieben. Er und weitere Erziehungspersonen haben über 130 Kinder die ihrer Obhut anvertraut waren sexuell missbraucht.
Jürgen Dehmers war ungefragt und gegen seinen Willen ein Teil des System Beckers. Ohne zu beschönigen beschreibt er, wie das Räderwerk mit dem pädokriminellen, in der Öffentlichkeit hoch geachteten "Pädagogen" am Schalthebel funktioniert hat. Wir werden mitgenommen und erleben wie Jürgen versucht auszubrechen und seine missbrauchten Körper und seine Seele zu betäuben um zu überleben und nicht verrückt zu werden.

Ganz wichtig, das Buch hört nicht auf als der Missbrauch mit Jürgen Dehmers Abgang von der Schule beendet wurde. In einem zweiten Teil beschreibt er, wie er die Gewichte, die ihm während dieser Zeit auf die Schultern gelegt wurden, versucht loszuwerden. Die Aufarbeitung ist das zweite Verbrechen, das die Opfer ertragen müssen. Viele zerbrechen daran, weil ihre Seele bereits mit dem Missbrauch getötet wurde.

Der Ruf nach Gerechtigkeit schreit Jürgen immer noch, für sich und für all die, die nicht mehr schreien können. Der dritte Teil des Buches handelt über seinen Kampf um Anerkennung der Schuld und dass die Schule zu ihrer Vergangenheit steht und die Verantwortung für die Geschehnisse übernimmt.

Ein Einzelfall, das könnte bei uns...
...nie passieren. Jeder Missbrauch ist ein Einzelfall und diese können leider immer und überall geschehen. Egal ob es die Odenwalschule, oder andere Institutionen wo in einer geschlossenen Gemeinschaft zu viel Macht in den Händen von einzelnen Personen liegt, wir sind aufgerufen hin zuschauen und zu Fragen zu stellen wo alle schweigen. Mehr dazu in meinem BLOG-Post Unsere Gesellschaft missbraucht ihre Opfer - der Staat als Täter

Ich empfehle dieses Buch...
....allen Menschen die mehr erfahren wollen wie sich ein Opfer fühlt und wie es mit dem Erlebten umgehen kann und muss. Jürgen Dehmers schreibt direkt und ehrlich, so als sässen wir mit ihm zusammen bei einer Tasse Kaffee, und er erzählt uns seine Geschichte. Für Leiter von Institutionen die sich um Menschen kümmern sollte dieses Buch zur Pflichtlektüre erklärt werden.

Links und Bezugsquellen...
...hier, auf der Seite des Verlages finden sie mehr Informationen zum Buch. Bitte berücksichtigen Sie beim Kauf des Buches Ihre kleine Buchhandlung in der Nähe und nicht die grossen. Meine persönliche Empfehlung für Spiez ist der Bücherperron, da werden Sie z.B. von der Autorin vom Lesefieber.ch kompetent beraten.